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Lass doch mal los.

  • vor 6 Tagen
  • 4 Min. Lesezeit

Über Festhalten, Vertrauen und einen Boden, der beim Gehen entsteht.


„Lass doch mal los.“


Ich finde diesen Satz inzwischen fast ein bisschen lustig. Als könnte man Loslassen einfach beschließen: Schultern runter, Kontrolle aus, Vertrauen an. Fertig.


Nur: Wenn mein Körper das Gefühl hat, am Abgrund zu stehen, wäre es ziemlich dämlich von ihm, auf Zuruf loszulassen. Festhalten ist oft kein Problem, sondern Schutz. Wir spannen an, werden vorsichtig oder machen dicht, wenn etwas zu viel, zu schnell oder zu unsicher ist.


Die interessantere Frage ist für mich deshalb nicht: Warum kann ich nicht loslassen? Sondern: Was braucht etwas in mir, damit es nicht mehr so festhalten muss?


Oft sind es Erfahrungen. Ein Nein, das stehen bleiben darf. Ein Mensch, der nicht verschwindet, nur weil ich mich zeige. Ein Moment, in dem ich denke: Das halte ich nicht aus, und später merke, dass ich noch da bin. So entsteht Boden. Nicht bevor wir losgehen, sondern beim Gehen.


In meiner Coaching-Ausbildung mit Karam Kriya bei Sohan habe ich die Zahlen als eine Sprache kennengelernt, die mir bis heute hilft, bestimmte Bewegungen des Lebens klarer zu sehen.


Ein Gedanke aus dieser Zeit begleitet mich besonders, sinngemäß: Die einzige Garantie im Leben ist, dass es keine Garantie gibt.


Das ist erst einmal ziemlich unbefriedigend.


Denn wir Menschen mögen Garantien. Wir wollen wissen, woran wir sind, was kommt und ob am Ende alles gut ausgeht. Eine Gewissheit bleibt: Wir werden geboren und wir werden sterben. Was davor war, was danach kommt und was uns auf dem Weg dazwischen begegnet, wissen wir nicht.


Es gibt Glauben, spirituelle Erfahrungen, Ahnungen und Vorstellungen darüber. All das kann wahr sein. Aber eine irdische Garantie bekommen wir dafür nicht.

Und genau da wird es spannend. Wir versuchen, ein Leben berechenbar zu machen, das seinem Wesen nach nicht berechenbar ist. Wir planen, sichern uns ab und versuchen, die Dinge irgendwie im Griff zu behalten. Gleichzeitig sehnen wir uns nach Vertrauen, Leichtigkeit und danach, nicht ständig alles kontrollieren zu müssen.


Ich glaube nicht, dass deshalb alles vorbestimmt ist. Ich glaube an den freien Willen und daran, dass Leben sich im Moment entfaltet. Wir können nicht entscheiden, was uns begegnet, aber wir können immer wieder lernen zu wählen, wie wir damit umgehen. Bleibe ich oder gehe ich? Glaube ich meinem Nein? Bitte ich um Hilfe? Übergehe ich mich wieder oder nehme ich ernst, was ich wahrnehme?

Diese Wahl ist nicht immer groß und frei. Alte Erfahrungen wirken mit.

Aber unser Spielraum kann wachsen.


Ich bin in meinem Leben schon oft gefallen. Manchmal Tief, machmal hart und manchmal auch weich. Rückblickend waren für mich dabei oft nicht die Momente am gefährlichsten, in denen ich viel gefühlt habe. Schwieriger waren die Zeiten, in denen ich mich immer tauber gemacht, meine eigenen Signale übergangen und mir eingeredet habe, dass schon alles irgendwie geht. Gerade dadurch bin ich auch in Situationen geblieben, die tatsächlich gefährlich waren.


Ein Freund sagte einmal sinngemäß zu mir, dass er kaum verstehen könne, wovor ich im Alltag so oft Angst habe, und dass ich gleichzeitig erstaunlich angstfrei wirke, wenn es wirklich gefährlich wird.


Damals habe ich das nicht verstanden. Heute schon eher.


Reale Gefahr konnte sich für mich erstaunlich normal anfühlen. Mein System kannte dieses Gelände. Viel ungewohnter war es, meiner eigenen Wahrnehmung zu vertrauen. Zu merken: Das fühlt sich nicht gut an, und diese Information nicht sofort wegzudiskutieren. Oder umgekehrt zu spüren: Hier ist gerade keine Gefahr. Ich darf weich werden. die letzten Jahre durfe ich immer mehr üben meine wahrnehmung zu verfeiner und vor allem zu differenzieren. Nicht keine Angst mehr zu haben, sondern ihr zuzuhören und besser unterscheiden zu können: Wovor schützt sie mich gerade? Ist hier wirklich Gefahr? Oder betrete ich etwas, das neu und ungewohnt ist?


Wir wünschen uns Sicherheit, bevor wir loslassen. Nur gibt es diese völlige Sicherheit im Leben nicht. Der Weg führt für mich deshalb nicht daran vorbei, Angst zu vermeiden, sondern zu lernen, mit ihr zu gehen und immer wieder die Erfahrung zu machen: Ich kann auch das.


Genau das bedeutet für mich auch beherzt zu leben. Nicht angstfrei zu sein, sondern den Mut zu haben, mein Herz offen zu halten und meinen eigenen Weg zu gehen, auch wenn ich ihn noch nicht kenne. Immer wieder ehrlich zu prüfen: Was ist wahr für mich? Was stimmt noch? Was nicht mehr?

Und dann auch neu zu wählen.

Beherzt zu leben heißt für mich auch, Nichtwissen auszuhalten. Nicht auf alles sofort eine Antwort haben zu müssen und trotzdem weiterzugehen.


Mit dieser Langsamkeit und dem Nichtwissen konnte ich wieder an etwas anknüpfen, das mich schon als Kind getragen hat: meinen tiefen Glauben an Gott. An das Große. An etwas, das in uns wohnt und gleichzeitig über uns hinausgeht. Als Kind war dieses Vertrauen einfach da. Heute fühlt es sich eher wie eine Erinnerung an. Da ist etwas, das tiefer liegt als meine Gedanken. Eine Stimme, eine Weisheit, manchmal nur eine Ahnung. Sie zeigt mir nicht den ganzen Weg. Oft nur den nächsten Schritt, mal klarer, mal nebliger. Und das reicht.


Vertrauen wächst für mich nicht daraus, dass das Leben irgendwann berechenbar wird. Es wächst aus den Erfahrungen, in denen ich nicht wusste, wie es weitergeht, und trotzdem gegangen bin. In denen ich meiner Wahrnehmung geglaubt, etwas Neues gewagt oder Unsicheres gemeistert habe.

So wird der Boden unter mir tragfähiger. Nicht als Garantie, dass ich nie wieder falle, sondern als Erfahrung, dass ich mich bewegen kann, obwohl ich nicht alles weiß.


Loslassen lässt sich nicht erzwingen. Vertrauen kann wachsen. Und wenn es wächst, wird unsere Welt größer und der Körper weiter. Ganz von allein.


Alles Liebe, Tanja






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