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Unser Leben findet im Körper statt.

  • 22. Aug.
  • 6 Min. Lesezeit

Aktualisiert: vor 6 Tagen

Über Berührung, Wahrnehmung und meinen Weg zu mehr Körperliebe


Unser ganzes Leben findet im Körper statt. Wir lieben, trauern, genießen, begehren, erschrecken und begegnen anderen Menschen durch ihn. Eigentlich ist das selbstverständlich und trotzdem habe ich lange gebraucht, um wirklich zu verstehen, was es für mich bedeutet.

Lange habe ich meinen Körper vor allem von außen wahrgenommen. Wie sieht er aus? Was gefällt mir an ihm, was nicht? Er sollte funktionieren, mich durchs Leben tragen und möglichst nicht allzu viel dazwischenfunken. Ich konnte viel über mich nachdenken, mich ziemlich gut analysieren und ganze innere Welten im Kopf bewegen. Aber mich wirklich wahrzunehmen war etwas anderes.


Wie geht es mir gerade - nicht als Gedanke, sondern in meinem Körper? Was fühlt sich gut an? Was brauche ich? Wo ist meine Grenze? Einen wichtigen Weg aus dem Kopf und wieder ein Stück mehr zu mir habe ich über Berührung gefunden.


Berührung, die mich mir selbst nähergebracht hat.


Eine Erfahrung, die meine Beziehung zu meinem Körper tief geprägt hat, war eine Tantramassage bei Iva Samina in Berlin. Ich erwähne Iva ganz bewusst, weil ich ihre Arbeit sehr schätze.

Bei ihr habe ich mich sicher und angenommen gefühlt mit meinem Körper, meiner Sinnlichkeit und mit allem, was in diesem Moment da war. Ich musste nichts leisten, nichts zurückgeben und keiner Vorstellung entsprechen.


Mein Gegenüber wollte nichts von mir. Und ich glaube, so etwas spürt man.


Dadurch konnte meine Aufmerksamkeit bei mir bleiben. Ich begann wahrzunehmen, was sich gut anfühlt, wo ich mehr oder weniger möchte, wo ich weich werde und wo eine Grenze auftaucht.

Vielleicht war das eine meiner ersten wirklich tiefen Erfahrungen davon, wie sich Annahme im Körper anfühlen kann. Nicht nur zu wissen: Ich darf sein, wie ich bin. Sondern es tatsächlich zu fühlen.


Meine Reise hin zu mehr Liebe und Verbindung zu mir selbst hatte da längst begonnen. Und trotzdem hat diese Erfahrung vor etwas mehr als einem Jahr noch einmal etwas sehr Grundlegendes in mir bewegt. Sie hat vieles, was ich vorher schon verstanden und erfahren hatte, auf eine körperliche Ebene gebracht und vertieft.


In der Zeit danach bin ich diesem Erleben weiter gefolgt. Mit verschiedenen Ausbildungen, viel eigener Erfahrung und immer mehr Neugier darauf, was Berührung, Körperwahrnehmung und Präsenz eigentlich möglich machen können.


Tantramassage ist im Moment kein regulärer Bestandteil meines Angebots. Und ich weiß, dass sie für viele Menschen zunächst sehr weit weg oder hochschwellig wirken kann.


Mich interessiert deshalb umso mehr, wie sich das, was ich dort als so wertvoll erlebt habe, in eine zugänglichere Form von Körperarbeit übersetzen lässt.

Nicht die Massageform selbst, sondern ihre Qualität: Sicherheit, Annahme, Präsenz und die Freiheit, nichts Bestimmtes leisten oder fühlen zu müssen.


Das fließt heute in meine eigene Arbeit ein. Dein Nein darf genauso da sein wie dein Ja. Genuss darf einfach Genuss sein, ohne dass daraus etwas werden muss. Berührung kann weich und sinnlich sein oder auch einmal fester und intensiver und immer bleibt die Frage: Wie fühlt es sich gerade für dich an? Denn diesen Wert, sich selbst zu spüren und ernstzunehmen, wünsche ich jedem Menschen.


Für mich ist die Möglichkeit, mit dem eigenen Körper präsent zu sein, ohne beurteilt zu werden, etwas äußerst Wertvolles.


Körperliebe begann für mich mit Wahrnehmung.

Durch solche Erfahrungen hat sich meine Beziehung zu meinem Körper langsam verändert. Er wurde weniger zu etwas, das ich von außen anschaute, und mehr zu einem Ort, den ich von innen kennenlernen konnte.

Daraus ist über die Jahre etwas gewachsen, das ich heute Körperliebe nennen würde.

Damit meine ich nicht, morgens vor dem Spiegel zu stehen und jeden Zentimeter meines Körpers großartig finden zu müssen. Das wäre mir ehrlich gesagt auch ein bisschen zu anstrengend.


Für mich bedeutet Körperliebe vielmehr, mit meinem Körper in Beziehung zu sein: ihm zuzuhören, meine Empfindungen ernst zu nehmen und immer wieder zu ihm zurückzukommen, wenn ich mich im Denken, Funktionieren oder Bewerten verliere.

Denn was ich nicht spüre, kann ich nur schwer ernst nehmen.

Wie soll ich eine Grenze setzen, wenn ich sie erst bemerke, wenn sie längst überschritten ist? Wie soll ich wissen, was mir guttut, wenn ich kaum wahrnehme, was gerade in mir geschieht?


Später habe ich gelernt, dass es für einen Teil davon sogar einen wissenschaftlichen Begriff gibt: Interozeption - die Wahrnehmung von Signalen aus unserem Körperinneren. Dazu gehören zum Beispiel Atem, Herzschlag oder innere Anspannung.

Ein ziemlich großes Wort für etwas, das unser Körper eigentlich den ganzen Tag versucht, uns mitzuteilen.


Mich interessiert daran vor allem ein einfacher Gedanke:

Wahrnehmung schafft Wahlmöglichkeiten.

Wenn ich mich spüre, kann ich eher merken: Das möchte ich. Das möchte ich nicht. Das ist gerade zu viel. Davon hätte ich gern mehr.


„Ah. Es kann auch so sein.“


Genau darin liegt für mich eine besondere Möglichkeit von Berührung und Körperarbeit: Wir können neue Erfahrungen machen.

Wir alle haben im Laufe unseres Lebens etwas über Nähe, Grenzen und Berührung gelernt. Oft, ohne dass uns das bewusst ist. Vielleicht habe ich gelernt, lieber auszuhalten. Mich anzupassen. Mein Nein erst ernst zu nehmen, wenn es sehr laut wird. Vielleicht verbinde ich Nähe damit, etwas zurückgeben zu müssen.

Und dann geschieht etwas ganz Einfaches.

Ich sage, dass ich weniger Druck möchte und der Druck wird weniger. Ich merke eine Grenze und muss sie nicht erklären. Etwas fühlt sich richtig gut an und ich darf es genießen. Ich werde berührt und niemand möchte dafür etwas von mir.

Für mich können solche Momente zu neuen Referenzerfahrungen werden.

Die alte Erfahrung verschwindet dadurch nicht einfach in einer kleinen Rauchwolke. Aber plötzlich steht etwas Neues daneben: Ah. Es kann auch so sein.


Ich mag diesen Gedanken sehr. Veränderung muss nicht immer bedeuten, etwas an uns wegzumachen oder noch ein weiteres Projekt aus uns zu gestalten.

Manchmal wird einfach der Raum dessen größer, was wir für möglich halten.


Achtsam heißt nicht immer sanft.

Diese Haltung prägt heute auch meine Massage & Körperarbeit.

Achtsame Berührung bedeutet für mich nicht, dass alles federleicht und wolkenweich sein muss. Manchmal ist meine Arbeit ruhig und fließend, manchmal sinnlich, und wenn ich zum Beispiel mit Faszien und tieferen Gewebeschichten arbeite, kann der Druck durchaus fest und intensiv werden.

Für mich liegt der Unterschied weniger in der Stärke der Berührung als in der Haltung dahinter.

Ich möchte dem Körper nicht aufzwingen, was sich jetzt lösen oder verändern müsste. Auch bei stärkerem Druck bleibe ich im Kontakt: Wie reagiert der Körper? Wird der Atem weiter oder enger? Ist es noch stimmig? Möchte etwas nachgeben oder gerade nicht?

Ich mag es, mit dem Körper zu arbeiten statt gegen ihn. Ihm zu lauschen. Zu folgen. Mich von der innern Weisheit führen zu lassen.


Eine Massage darf dabei einfach wohltuend sein. Sie braucht keine Erkenntnis, keine große Transformation und auch keinen magischen Moment mit innerem Feuerwerk.

Manchmal darf eine gute Massage einfach eine gute Massage sein.

Und gleichzeitig kann Berührung uns für einen Moment aus dem ständigen Denken und Funktionieren zurück ins Wahrnehmen bringen.

Vielleicht wird etwas weicher. Vielleicht wird eine Grenze deutlicher. Vielleicht entsteht Ruhe, Genuss, Sinnlichkeit oder Lebendigkeit. Vielleicht spüren wir uns einfach ein bisschen mehr.

Auch das ist viel.


Spannend finde ich, dass die Forschung an einigen Stellen etwas beschreibt, das zu meinem eigenen Erleben passt. Berührung ist eben nicht einfach nur Druck auf der Haut. Wichtig ist zum Beispiel, dass sie gewünscht ist und auch der zwischenmenschliche Zusammenhang spielt eine Rolle. Eine große Auswertung von internationalen Studien zeigte positive Effekte erwünschter Berührung auf das körperliche und psychische Befinden, besonders bei Schmerz, Angst und depressiver Stimmung.

Für mich macht Wissenschaft daraus kein Versprechen. Aber ich finde es schön, dass etwas, das ich so unmittelbar über meinen eigenen Körper erfahren habe, auch auf einer anderen Ebene erforscht wird.


Eine kleine Einladung.

Vielleicht magst du für einen Moment nicht darüber nachdenken, wie dein Körper aussieht oder was er heute noch alles erledigen soll.


Frag dich nur:


Wie fühlt es sich gerade in meinem Körper an?


Schließ sie Augen oder senk den Blick. Richte deine aufmerksamkeit nach innne. Es braucht darauf keine besondere Antwort. Vielleicht bemerkst du deinen Atem, die Schwere deiner Beine, eine Spannung in den Schultern, Wärme, Müdigkeit oder etwas wohliges. Vielleicht ist da auch erst einmal wenig. Du musst nichts daraus machen. Erkenne es, schenk dir deine Aufmerksamkeit, einen liebvollen, präsneten Blick. Ah, so ist das gerade.


Für mich beginnt Wahrnehmung genau dort: mit dem Interesse an dem, was bereits da ist.

Berührung hat mir geholfen, meinen Körper weniger von außen zu beurteilen und ihn mehr von innen zu bewohnen. Dadurch habe ich nicht nur mehr Zugang zu meinen Grenzen gefunden, sondern auch zu Genuss, Sinnlichkeit, Weichheit und Lebendigkeit.

Vielleicht beginnt Körperliebe nicht damit, unseren Körper endlich richtig zu finden.

Vielleicht beginnt sie damit, wieder bei ihm zu sein.


Denn alles, was unser Leben ausmacht – Nähe, Freude, Angst, Lust, Trauer, Genuss und Verbundenheit erleben wir hier.


Bewohne dich. Es gibt noch so viel zu fühlen.

Ist einer meiner Leitsätze geworden. Denn unser Leben erfahren wir durch unseren Körper.


Alles Liebe, Tanja





Wenn du weiterlesen möchtest

Eine gut verständliche Zusammenfassung einer großen wissenschaftlichen Auswertung zur Wirkung von Berührung. Das Forschungsteam wertete mehr als 130 internationale Studien mit rund 10.000 Teilnehmenden aus. Wichtig finde ich dabei auch: Die Forschenden sprechen ausdrücklich von Berührung, die gewünscht ist.

Ein verständlicher Einstieg in die Frage, wie wir Signale aus unserem Körperinneren wahrnehmen und welche Rolle diese Wahrnehmung für unser Erleben spielt.

Falls du mehr über die Arbeit erfahren möchtest, auf die ich mich in meiner persönlichen Geschichte beziehe.

 
 
 

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